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Garopaba

 

Es gibt da einen Ort in Südbrasilien, zu dem ich immer gedanklich flüchte, wenn mich meine augenblickliche Wirklichkeit überwältigt. An die Praia da Barra gelangt man über eine Straße aus roter Erde. Wenn wir an den Wasserbüffeln auf ihrer Weide vorbei fuhren, wusste ich, dass wir bald angekommen sein würden. Ich weiß jetzt, dass ich dort sterben möchte.

 

Das Meer und der weiße Strand liegen hinter einem Wall, der die Häuser vor dem Wind schützt. Aus dem Auto ausgestiegen, war das Erste das ich machte, an den Strand zu gehen. Überall säumen Kiefern die Wege aus Sand. Das Wasser ist von dunkler Farbe und nicht so warm, wie man es vielleicht erwarten würde. Die Barra ist der Zulauf, der die Lagune mit dem Meer verbindet. An ihrer Mündung befindet sich die Halbinsel auf der ich öfters lag und die Sterne beobachtete, ohne daran zu denken, dass ich diesen Ort einmal so vermissen und brauchen würde.

 

An diesem Strand küsste ich das erste Mädchen und verliebte mich auch zum einzigen Mal. An diesem Strand lernte ich richtige Freunde kennen, die ich trotzdem seit Jahren nicht mehr gesprochen habe. Diesen Ort habe ich anderen in Erzählungen beschrieben, wir reisten in unserer Vorstellung dorthin, waren für ein paar Augenblicke glücklich. In Garopaba spürte ich, wie lebenswert unser Dasein sein kann. Als Kind feierte ich dort mit meiner Familie und Freunden Weihnachten und Neujahr. Ich bereue jetzt jede dort verschwendete Minute, an der ich mich hätte weiter erfreuen können.

 

Wie geordnet waren damals noch die Welt und die Gedanken. Doch mit dem Altern verschwindet diese Einfachheit. Vielleicht entgeht einem auch nur die klare Sicht der Dinge. Wie auch immer, jetzt blicke ich zurück und natürlich kann ich alles so drehen und wenden, wie ich will. Klar ist jedenfalls, dass die Aussichten aus meiner momentanen Lage heraus zu kommen und irgendwann wieder den heißen Sand unter den Füßen zu spüren, schlecht stehen. Aus dieser geschlossenen Anstalt wird sobald keiner entlassen. Hier haben die Fenster Schlösser und dort kann man sie aufmachen, um frische Meeresluft einatmen.

 

Doch ist unsere Wirklichkeit das, was wir sehen wollen. Wir bauen sie auf. Wir sind ihre Meister. Glück und Zufriedenheit sind daher unserem Willen unterworfen. Das Universum gehört jedem Einzelnen. Jedem ist überlassen was er damit macht. Wer kann mich schon dabei sehen, wie ich auf meiner Halbinsel nachts liege, die Hand von Christina halte, den schönsten Sternenhimmel über mich habe, den ich je gesehen habe? Wer von euch kann sich in diesem Augenblick in mich hinein versetzen, an dem ich gerade daran denke. Keiner. Nur ich. Ich spüre die warme Luft um mich herum, höre die Wellen, weiß mein Mädchen neben mir liegend. Ich halte ihre Hand. Ich sehe die Sterne am Himmel, so schön wie von Götterhand gemalt. Ich und kein anderer. Niemandem könnte ich diese Empfindungen näher bringen, als mir selber.

 

Wir stehen auf und gehen von der hügeligen Halbinsel runter. Auf dem Weg nach Hause müssen wir die Barra durchqueren. Das Wasser aus der Lagune fließt warm durch unsere Beine. Der wolkenlose Himmel lässt den Mond im Wasser schimmern. Wir waren in diesem Augenblick Herren unserer Welt. Alles war in Einklang. Erde, Mond und Sonne harmonierten miteinander und wir spürten es. Wer von euch kann dies nachempfinden?

 

Keiner.

 

Es wird Zeit aufzustehen. Heute ist Sonntag. Ich blicke durch das Fenster nach draußen und frage mich, wie alt wohl diese Akazien sind, die ich so gerne betrachte und als Vorlage für meine Bilder und Erzählungen benutze. Zugegeben, es sind sehr schöne Bäume, doch Kiefern habe ich lieber. Manchmal vergesse ich, dass ich nicht einfach aufstehen, durch die Tür marschieren und raus gehen kann. Wenn es mir dann wieder einfällt, muss ich laut auflachen. Werde ich gefragt warum ich lache, kann ich einfach nur sagen: „über nichts im besonderen“.

 

Dann werde ich wieder in Ruhe gelassen. Der Wagen mit den Frühstücktabletts steht am Wochenende ab 8:00 im Tagesraum. Ich nenne diesen Ort die Lobby. Die Gäste finden sich langsam ein, um ihr Frühstück zu sich zu nehmen. Ein besonders vornehmer Herr, ganz in weiß gekleidet an diesem sonnigen Morgen, eilt an den Menschen am Buffet vorbei in Richtung Schwesternzimmer oder Rezeption. Ich frage die Dame neben mir, was ihn wohl wurmt.

 

Sonst machen hier alle anderen einen sehr entspannten Eindruck. Und schon wieder lache ich laut auf. Wegen nichts Besonderem. Auf jedem Tablett steht der Name des dazugehörigen Patienten. Schade, dass nicht auch noch die Diagnose daneben steht. Diese schützt hier jeder wie ein Staatsgeheimnis. Es reicht ja wohl, sich nicht aus dem Weg gehen zu können, da müssen so persönliche Dinge ja nicht auch noch miteinander ausgetauscht werden. Abgesehen davon, sind wir ja sowieso alle mittlerweile Spezialisten auf unseren Gebieten und können jede Diagnose an der kleinsten Äußerung oder Unvorsichtigkeit ablesen. Ein Blick auf die Medikation reicht in manchen Fällen auch schon. Für Spezialisten, versteht sich.

 

Wie jeden Sonntag, gibt es ein Brötchen extra dazu. Die Auswahl an Wurst und Käse darf man hier sogar selber bestimmen. Dazu füllt man am Anfang der Woche die Essenskarten aus. Und es funktioniert tatsächlich. Man bekommt immer das Bestellte. Trotzdem freue ich mich jedes Mal wieder über diese meisterliche Leistung. Immerhin müssen jede Menge Gäste in dieser Form verpflegt werden und ich habe noch kaum Beschwerden gehört. „Für diese Brötchen, die dick darauf aufgetragene Butter, lohnt es sich doch schon aufzustehen“, geht es mir durch den Kopf. Es ist Sonntag, die Brötchen schmecken mir, ich bin sorglos glücklich.

 

Nach dem Frühstück wollen wir ne Runde Volleyball beim Wasser spielen. Kommst Du mit?“, fragt mich mein Bruder, als ich gerade dabei war, mit meinem Geschirr von Tisch zu gehen.

 

Klar. Glaubst Du...?“„Ja“, sagt er, „sie wird bestimmt da sein. Gestern hat sie Dich beim letzten Spiel die ganze Zeit über angeschaut.“

 

Das Mädchen, über das wir sprachen, hieß fast so wie ich: Christina. Sie war damals 14, also ein halbes Jahr älter als ich. Sie war die schönste am ganzen Strand und bestimmt stellte sich jeder aus unserer Truppe vor, mit ihr zusammen zu sein. In der damaligen Unschuld natürlich. Doch wehrte sie jede Bemühung ab und umgab sich mit ihren Freundinnen, während wir versuchten, den Helden für sie zu spielen. Sie warf einfach ihr pechschwarzes Haar zurück und kicherte weiter mit so und so. Diese Anmut werde ich niemals vergessen. Das nahm ich mir damals schon vor. Ich wünsche mir jetzt, ich könnte diese Augenblicke löschen. Für immer. Doch das habe ich ja schon versucht. Vergeblich.

 

Ich schaue in die Runde. Dass noch alle da sind, ist einerseits nicht anders zu erwarten, andererseits hat es auch etwas Beruhigendes. Mir gefällt es, dass sich hier nicht viel verändert. In Garopaba gab es trotz des Sommers manchmal auch Regenwetter und Sturm. Dann waren wir in unseren Strandhäusern weitestgehend gefangen. Wir spielten ein Spiel oder hörten Musik. Zum Glück empfing man dort kein Fernsehen. Doch es regnete nie besonders lange. Kaum hatte es aufgehört, gingen wir wieder nach draußen, wo die durch den Regen gewaschene Welt herrlich duftete. Wie funkelnde Kristalle, hing das Wasser an den Kiefern und glänzte in der Sonne. Der nasse Sand blieb an den Füßen kleben.

 

Nach und nach fanden wir uns alle wieder an unseren Stammplätzen ein. Wir waren eine große Gruppe unbekümmerter Kinder und Jugendlicher, die sich diesen Strand teilten. Dementsprechend viele Erinnerungen habe ich an diese Zeit. Wir liebten es, bei Dunkelheit ein Feuer am Strand zu entzünden und Würstchen darüber zu grillen. Dann wurden gruselige Geschichten erzählt, wie von der Alten, vor der man nicht weg rennen durfte, da sie einen immer einholte und mit zu sich ins Meer nahm. Auf dem Weg nach Hause durch die Dunkelheit musste man dann unentwegt daran denken und war froh in Sicherheit anzukommen.

 

Die Ventilatoren in den kleinen Zimmern konnten nicht mehr, als die warme Luft durcheinander zu wirbeln und es war trotz der Erschöpfung durch den vergangenen Tag schwer, einzuschlafen. Doch freute man sich am nächsten Morgen, wieder aufzustehen und die anderen zu treffen. Vor allem fragte ich mich immer, ob ich Christina treffen würde, oder ob sie andernfalls mit ihren Eltern oder ihren Freundinnen etwas unternehmen würde. Den ganzen Tag wartete ich darauf, sie zu sehen. So war ich nie so richtig bei der Sache und wirkte, als würde ich wach träumen.

 

Bekommen Sie heute Besuch?“, fragte mich die Schwester, doch hörte ich sie nicht, da ich in Gedanken war. „Herr Kowal, kommt Sie heute jemand besuchen? Sie haben zwar niemanden angemeldet, ich weiß aber, dass sie das gerne vergessen“, sagte sie nochmal und diesmal verstand ich sie.

 

Nein. Ich glaube nicht, dass mich jemand besuchen kommt. Ich möchte auch niemanden sehen. Dürfte ich jetzt bitte weitermachen“, sagte ich und nahm meinen Bleistift zur Hand. Vor mir lag mein Malzeug, das mir sehr viel bedeutete.

 

Wie sie wollen“, sagte die Schwester und wandte sich nach einem kurzen Blick auf das Papier von mir ab. An dem mit Bleistift gezeichneten Bild malte ich schon seit einiger Zeit. Jeden Sonntag setzte ich mich in der Lobby an meinen Platz am Fenster, legte die Malsachen auf den Tisch und reiste in die Ferne. War ich darin vertieft genug, wagte ich es einen Strich zu zeichnen. Es kam vor, dass die Sonne am Fenster vorbei zog, ohne dass ich etwas zu Papier brachte. Dann nahm ich das Blatt, zerriss es und warf es in den Mülleimer. Das Blatt blieb ebenfalls unverändert, wenn es regnete.

 

 

 

Leider hatte man diesen Ort nicht in der Wüste errichtet. Dort regnet es seltener und ich würde mehr zu Papier bringen. Ich erinnere mich gerade daran, dass mein Bild einmal fast fertig war und ich glücklich und stolz darauf war.

 

Darauf sah ich mich an der Seite meines Mädchens gehen. Wir spazieren entlang des Wassers. Ich halte ihre Hand und alles ist an seinem Platz. Rechts die Kiefern, links die Unendlichkeit des Ozeans und noch entfernter, alles überblickend, die Sonne. Unsere Schatten fließen spielerisch über den glatten Sand. Man erkennt ganz bewusst nicht viel mehr als unsere Umrisse. Ihr Haar wird von sanftem Wind gewiegt und streicht über meine Schulter. So laufen wir die Landschaft herunter. Ich nahm damals das fertige Bild und zog mich in mein Zimmer zurück. Für diesen Augenblick hatte ich über einige Zeit ein Teil meiner Medikamente nach der scheinbaren Einnahme zurückgelegt. Diese nahm ich an diesem Abend auf mein Bild blickend ein und legte mich schlafen.

 

Man fand mich am nächsten Morgen rechtzeitig, um mir den Magen auszupumpen, so dass ich überlebte. Mein Bild hat man mir damals weggenommen, und wieder zeichnen durfte ich auch erst, nachdem ich bewiesen hatte, dass so etwas nicht wieder vorkommen würde. Die Medikamente wurden durch welche ersetzt, die sich nach der Einnahme sofort auflösen. Dabei war ich glücklich und bereit gewesen, nach Garopaba zurück zu kehren. Jetzt zittere ich jedes Mal, da ich den Bleistift zur Hand nehme und ich weiß, dass mir dieses Bild nie mehr gelingen wird. Ein anderes kann und will ich aber nicht anfangen. Das wäre Verrat.

 

Seitdem verändert sich auf meinem Stück Papier nicht mehr viel. Es bleibt Sonntag für Sonntag leer. Die Sonne zieht vorbei, ohne dass ein Strich gezeichnet wird. Ich betrachte stattdessen meinen Schatten auf dem Linoleumboden. Nur einen, nicht zwei, Schatten sehe ich da, und fühle die fehlende Hälfte in mir. Das macht mich jedes Mal traurig. Darüber hilft mir auch die stärkste Vorstellungskraft nicht hinaus. Ich blicke um mich, sehe Wände, Fenster und Türen, dazwischen andere wie ich, die scheinbar dieses Gefühl mit mir teilen. Vielleicht vermisst jeder einen Schatten an der Seite des seinigen. Vielleicht besitzt jeder wertvolle Erinnerungen, die, genau wie meine, mit der Zeit zu verblassen scheinen. Vielleicht kennt jeder einen Ort, wie mein Garopaba. Bestimmt will jeder dorthin zurück.

 

Den ganzen Nachmittag saß, ich mit diesen Gedanken beschäftigt, am Fenster. Die anderen nahmen zwischenzeitlich Kaffee und Kuchen zu sich und kümmerten sich nicht weiter um mich. Manche hatten es versucht, doch nach einiger Zeit aufgegeben. Ich nahm wahr, dass sich ab und zu jemand nach mir umsah und vielleicht ein Wort an mich richten wollte, doch entgegnete ich diesen Blicken nicht. Wo sollte ich anfangen, meine Geschichte zu erzählen? Ein schöner Anfang wäre der Tag gewesen, an dem ich zufälligerweise und völlig unvorbereitet, meiner heimlichen Liebe an dem Ort begegnete, von dem ich dachte, dass ihn niemand außer mir kannte oder besuchte.

 

Es war ein Felsvorsprung auf der Halbinsel, den man nur schwerlich erreichte und der ansonsten nicht zu sehen war. Viel Platz war dort nicht und ich wusste nicht, dass man sich dort auch zu zweit aufhalten konnte. Einige Meter unter einem krachten die Wellen, manchmal lauter, manchmal leiser, gegen den Felsen. An windigen Tagen bekam man dabei etwas Gischt ins Gesicht geweht. Es wäre nicht ratsam da rein zu fallen. Man musste eben besonders vorsichtig und aufmerksam sein.

 

Nach dem Unfall, dem Tag, der mein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte, konnte ich nicht von der Vorstellung lassen, wie sie ausrutschte und in die Tiefe fiel. Die Wellen haben dann ihren kleinen Körper erfasst und gegen die Felswand geschmettert. Als sie dann an Land gespült wurde, floss aus den offenen Wunden ihr Blut. Doch sie war nicht länger am Leben. An jenem Tag aber, war ich wie immer in der Erwartung dorthin gegangen, alleine zu sein. Ich hangelte mich an der Wand entlang ohne nach unten zu schauen.

 

Um die Ecke herum gekommen, war mir plötzlich als hörte ich jemanden weinen. Dann sah ich, dass mein Versteck nicht länger nur mir alleine gehörte. Christina saß auf meinem Felsvorsprung und weinte. Sie nahm gar nicht wahr, dass ich anwesend war. In meiner Überraschung ging mir durch den Kopf wieder umzukehren, doch konnte ich mir nicht erklären, warum sie, die immer so stark aussah, dort saß und weinte. Statt blöd zu fragen, warum sie weinte, setzte ich mich neben sie und blickte schweigend auf das Meer vor uns beiden. Sie würde schon merken, dass ich da war, und sie würde auch wieder aufhören zu weinen. Doch wie sie das tat, war das besondere. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, nahm das Haarband von ihrem Handgelenk und machte sich einen Zopf. Dann entschuldigte sie sich und nahm meine rechte Hand.

 

Leg‘ Deinen Arm bitte um mich und sag‘ nichts“, kam leise aus ihrem Mund, gerade so laut, um die Wellen zu übertönen. Ich tat wie mir geheißen. Lange saßen wir beide so und sagten kein Wort. Ich blickte manchmal zu ihr herüber, doch sie schien mich immer noch nicht richtig wahrzunehmen. Mir wurde klar, dass ich sie nicht trösten konnte. Vielleicht konnte niemand sie wirklich trösten, dabei wusste ich nicht einmal, was sie so traurig machte. Sie hat es mir auch nie gesagt. Die Sonne verschwand langsam hinter der Insel und es wurde Zeit nach Hause zu gehen.

 

Geh Du vor.“, sagte sie. „Und erzähle niemandem von diesem Ort.“, sagte sie weiter. „Es ist auch mein Versteck.“, sagte ich. „Ich wusste nicht, dass du es auch kennst“. Als ich aufstehen wollte, hielt sie mich fest und fragte mich, ob ich morgen wiederkommen würde. „Wenn Du auch hier bist“, sagte ich und konzentrierte mich beim Aufstehen darauf, nicht ins Wasser zu fallen.

 

Vielleicht“ erwiderte sie und ich konnte sehen, wie sie gegen erneute Tränen ankämpfte. In mir kamen die widersprüchlichsten Gefühle hoch. Ihr war klar, dass ich wissen wollte, was sie so quälte, und sie erriet dies natürlich, indem sie sagte, ich dürfe nicht danach fragen. Es blieb dabei. Ich brauchte am Ende dieses Tages sehr lange, um einzuschlafen. Etwas war passiert.

 

Neben diesen Erinnerungen besitze ich noch, um an sie zu denken, das Haarband, mit dem sie sich damals den Zopf gebunden hatte. Sie trug es am Handgelenk, als man sie am Strand fand. Zur Verwunderung aller, die fassungslos um sie herum standen, hatte ich, während ich immerfort brüllte und um mich schlug, es an mich genommen und war so schnell ich konnte weggelaufen, um dann nie wieder an diesen Ort zurück zu kehren.

 

Niemand wusste, wie oft wir uns in unserem Versteck getroffen hatten und welche Geheimnisse wir dort miteinander geteilt hatten. Warum sie aber bei unserer ersten Begegnung dort geweint hatte, hat sie nicht einmal mir verraten. Später konnte ich darüber nur Vermutungen anstellen. Als ich, viel Zeit später, jedoch erfahren habe warum sich ihre Eltern getrennt haben, wurden diese Vermutungen zur Qual und machten mich verrückt.

 

Es bringt doch nichts mein Kleiner.“, sagte Frau P., strich mir kurz über das Haar und ging sich mit ihrem Tee in der Hand wieder in ihre Ecke des Raumes setzen. Sie war die Einzige, die diese Geschichte kannte, und hatte mir versprochen, sie für sich zu behalten. Sie konnte an meinen Blicken ablesen, wo ich mich gerade wirklich befand, und scheinbar auch mitfühlen. Doch bringt es nichts, dieselbe Geschichte immer wieder zu erzählen, so dass sie mir dann immer wieder sagt, dass es nichts bringt. Die Trauer ist aber schwer beiseite zu schieben und meine ist eben allgegenwärtig. Es reicht mir nicht, dass ich die Gegenwart mit denen, die mir lieb sind, nicht länger teilen, und die Vergangenheit nicht noch einmal durchleben kann. Mir wird deutlich, wie unbedeutend ich bin. Wirklichen Trost finde ich daher nur in meiner Trauer. Noch ein Sonntag ging vorüber, ohne dass sich auf dem Blatt vor mir etwas tat. Nach dem Abendbrot ging ich ohne Besuch zu bekommen in mein Klinikzimmer und schlief dank der Medikamente irgendwann ein.

 

Am Morgen nach unserer ersten Begegnung im Versteck brannte ich darauf, sie wieder zu sehen. Wenn ich sie nirgendwo anders finden würde, so dachte ich, müsste sie an unserem Ort sein. Mein Bruder und ich gingen uns mit den anderen treffen. Mein Gesichtsausdruck muss mir einen Streich gespielt haben, denn die ganze Strecke über durchlöcherte mich mein kleiner Bruder mit Fragen. Doch verriet ich nichts. Ich war überglücklich, als ich sah, wie sie mit einer ihrer Freundinnen den Weg von ihrem Haus zum Strand entlang lief. Bei uns angekommen aber, deutete bei ihr nichts auf unser Geheimnis vom Tage zuvor. Sie hatte denselben kalten Blick, den wir alle von ihr gewohnt waren. Aber ich kannte sie jetzt etwas besser als alle anderen. Sie würde schon andeuten, wenn sie mich alleine bei sich haben wollte. Aber ich wartete vergebens. Kein mehrdeutiger Blick, keine Geste, keine Vertrautheit war zwischen uns, die mich von den anderen unterschied.

 

Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, war aber zutiefst gekränkt, so wie nur derjenige mit einem verliebten Herzen sein kann. Für das verliebte Herz hat alles eine eigene Bedeutung, die dem Gewöhnlichen verschlossen bleibt. Ich habe mich zwar nie wieder verliebt, doch konnte ich es den Verliebten stets ansehen. Die Liebe zwischen ihnen bot Schutz vor Unheil und machte ihnen in den schwierigsten Lagen Hoffnung. Dann musste ich innerlich immer lächeln und fragte mich, ob man auch mir das ansah. Wenn dann gefragt, woran ich denke, konnte ich wenigstens noch sagen: „An meine einzige große Liebe. Ich durfte einen Sommer lang bei ihr sein, aber trösten konnte ich sie nicht“.

 

Wo ist sie jetzt?“, fragte dann manch einer weiter. „Ich weiß es nicht“, musste ich dann immer erwidern. Und nochmal sagte ich: „Ich weiß es nicht, doch ich hoffe, wenigstens dort kann sie jemand trösten“.

 

Dann war zumindest den Meisten klar, dass ich jemanden für immer verloren hatte und darunter litt. Sie schauten mich ab diesem Tag mit anderen Augen an.